Weißt du, eigentlich musst du diesen Text gar nicht lesen. Wirklich nicht. Und das ist keine medienpsychologische Spielerei, kein Taschenspielertrick nach Art „denk jetzt nicht an einen rosa Elefanten“. Doch Timothy Aulds Musik braucht keinen Waschzettel, keine Bedienungsanleitung und nicht einmal eine Super Hero Origin Story.

Sie ist einfach da, selbsterklärend, selbstverständlich, Popmusik aus biologischem Anbau, von glücklichen Künstlern gelegt und ausgebrütet. Popmusik, so cool, dass sie aus dem Herzen einer pulsierenden Metropole kommen, und so unverkrampft und ehrlich, dass sie aus der tiefsten Provinz stammen muss. Und beides stimmt eben auch, womit wir dann doch bei der Super Hero Origin Story wären.

Wenn Künstlerbiografien sich räuspern könnten, täte ich das jetzt, du kannst dir das ja einfach dazu denken, genau wie die dramatische Musik, die genau jetzt einsetzen sollte:

Timothy Auld wird 1990 in London, der Hauptstadt des Britischen Empires geboren, einem entlegenen Staatensystem, in dem alles irgendwie ein bisschen cooler ist, obwohl die Bewohner sich ausschließlich von weißen Bohnen in Tomatensoße ernähren. Auch wenn ein düsterer Warlord, genannt „Die eiserne Lady“, gerade erst abgedankt hat, beschließt die Familie, dem Empire den Rücken zu kehren und ihr Glück jenseits aller Weltmeere in den Bergen der bayrischen Provinz zu suchen.

Timothy entdeckt seine Kräfte noch vor der Pubertät, als sein Bruder ihn in den Grundkenntnissen des okkulten Musikprogramms „Fruity Loops“ schult. Es vergehen einige Jahre und Timothy schult sich mittlerweile selbst. Die Schule selbst (ohnehin von düsteren Mächten erschaffen, um kreative Geister niederzuringen) spielt keine Rolle mehr. Er verbringt seine Zeit mehr auf Rückbänken schwitziger Sprinter mit unbekannter Destination denn auf der sprichwörtlichen Schulbank.

Nach der Schule versuchen erneut dunkle Mächte nach Timothy zu greifen. Fast lässt er sich zu einem Studium verführen, macht dann zum Glück aber doch etwas Vernünftiges und zieht nach New York, um Musik zu machen. Schließlich entscheidet er sich für eine Mischform und kehrt an den Ort seiner Geburt zurück, um in London Songwriting zu studieren. Mit Abschluss des Studiums zieht er, aufgeladen mit neuer Energie, in ein Studio in München, welches er für drei lange Jahre nicht mehr verlassen wird. In einem Souterrain irgendwo in der bayrischen Landeshauptstadt sehen Anwohner zu den unterschiedlichsten Tageszeiten immer wieder Lichtblitze und Energiesäulen aufsteigen, bis Timothy Auld schließlich eines Tages die Tür aufstößt und unter Donnern und Blitzen der Welt sein Werk entgegen streckt. Dieser Moment ist jetzt. Also jetzt.

************ Zeit, die Lektüre zu unterbrechen und das entgegengestreckte Album vom Anfang bis zum Schluss zu hören (optional mehrmals). Bis gleich! ************

Und? Ganz schön gut, oder? Finde ich auch. Da geht was. Denn ob es nun eine frühkindliche Prägung ist oder was auch immer, diese britische Leichtigkeit könnte wohl nirgendwo fehler am Platz sein als in der bayrischen Provinz. Doch wie jede gute Originstory ist es am Ende die Ambivalenz der Figuren, aus der sie ihre Kraft ziehen. Auld vereint in seiner Brust zwei wilde Herzen, die man in dieser Kombination wohl auf diesem Stern kein zweites Mal finden wird. Zur gleichen Zeit ist Timothy bayrischer Landjunge und britischer Popstar. Er vereint rurale Erdung mit urbaner Energie. Wie Clark Kent und Superman, nur ohne Pomade und mit mehr Schwung in der Hüfte.

Eigentlich hättest du diesen Text wirklich nicht lesen müssen, denn all das, was hier steht, ist auf Timothy Aulds Album auch hörbar. Und bei Musik gilt schließlich: Alles, was nicht hörbar ist, ist unwichtig. Und das sage ich dir, ich als Künstlerbiografie.

www.timothyauld.com