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Am Ende bleiben nur die Songs. Alles andere kommt und geht – die Auftritte und Tourneen mit Applaus und Anerkennung, das Getuschel und Gerede, das mit einer Album-Veröffentlichung einhergeht. Alles verschwindet. Letztlich spielt das alles keine Rolle.

Aber die Songs, die du selbst schreibst, bleiben. Sie werden viele Jahre um dich sein, also verdienen sie es, mit Sorgfalt und größtem Respekt geschaffen zu werden.

Mick Flannery hat das vor langer Zeit verstanden. Außerdem empfand er das Songschreiben als den besten Teil der Arbeit eines Musikers zwischen Job und Gig, Sprechen und Singen.

„Es ist niemals eine Last“ sagt Flannery über das Handwerk. „Die Fähigkeit etwas zu erschaffen ist das Schönste. Sie ist etwas, was du immer bei dir hast und du kannst es nutzen, um dich durch das Material in deinem Kopf zu arbeiten. Du musst es ernst nehmen, wenn es gut werden soll. Das mache ich immer am liebsten – das ist wie Lego spielen. Man kann eine Menge machen aus Legosteinen.“

Zum Beispiel ein Album wie „By the Rule“. Es ist Flannerys viertes Album, doch Welten entfernt von allem, was bisher seinen Namen getragen hat.

„Evening Train“ (2007), „White Lies“ (2008) und insbesondere das bestverkaufte und von den Kritikern gefeierte Nummer eins Album „Red to Blue“ (2012) hatten ihre Verfechter und Verteidiger. Unterwegs gab es viel Unterstützung für den Songwriter aus Blarney – und Zeichen, dass er eine einzigartige Stimme finden würde, sich selbst und ein Publikum.

Diese Ausbildung kann nun als abgeschlossen betrachtet werden. „By the Rule“ ist das Werk eines selbstsicheren Songwriters, der weiß, wie man eine Liste aus Nomen, Verben und Adjektiven in eine anmutige Füllerzeichnung in Moll verwandelt – in Poesie, die mit ihrem Zuhörer mitschwingt.

Über und unter der wunderschön bescheidenen, unkomplizierten und sauberen Produktion auf „By the Rule“, eröffnen uns Flannerys Songs eine Welt – emotional, romantisch, dunkel, einfühlsam und hoffnungsvoll.

Eine Welt, die er in Berlin mit Leben erfüllte. Er hatte die Idee nach Deutschland zu gehen, und nachdem ein harter Winter ihn fast vertrieben hätte, ließ er sich nieder und blieb 2013 sieben Monate in dieser Stadt. In einer Wohnung mit weiten Räumen und toller Akustik machte sich Flannery schließlich an die Arbeit.

Meist war er allein in der Stadt, besuchte einen Sprachkurs an der Uni. Daneben gab es nichts, was ihn ablenken konnte, kein Freundeskreis oder Auftritte. Er ließ sich einfach treiben, sog die allgegenwärtige Geschichte auf, die Pracht und Geschwindigkeit Berlins.

Gelegentlich ging er mit Eminem auf den Kopfhörern laufen. „Es gibt Dinge, die er mit Worten macht – das macht kein Anderer.“ sagt Flannery über den Detroiter Rapper. „Er reimt zwei Worte mit einem anderen Wort. Zwei Silben mit zwei anderen Wörtern. Internes Reimen, Auslassungen.“

Zurück in seiner Kreuzberger Wohnung nahmen die neuen Lieder langsam Gestalt an. Seine Songs beruhen meist auf Geschichten und Erfahrungen, die er entweder von jemandem erzählt bekommt oder in einer Bar oder anderswo aufschnappt.

„Ich bin so was, wie ein Detektiv in Bezug auf Menschen – wie sind sie, wie verhalten sie sich. Du musst dich mit ihnen beschäftigen. Wenn du nur über deine eigenen Erfahrungen, deine eigenen Trennungen und Versuche schreiben willst, kannst du das auch machen, ohne das Haus zu verlassen.“

Die fesselnde Kraft von „Pride“, „Get What You Give“ und „Live In Hope“ profitiert von Flannerys gekonnter Herangehensweise ans Texten. „Es kostet mich einige Zeit, um Texte zu arrangieren und alles so präzise wie möglich zu schreiben. Du musst immer und immer wieder über die Songs nachdenken. Du musst Zugriff auf den Song erlangen.“

Zurück in Irland ging es nun darum, die Lieder aufzunehmen. Flannery bat Phil Christie (Klavier) and Alan Comerford (Gitarre) von der Band „O Emperor“ um Hilfe und die Proben liefen gut. „Sie fanden Dinge in den Songs und mir gefiel, was sie fanden.“

Weitere Musiker kamen für zwei Wochen in den Beechpark Studios in Rathcoole hinzu: Christian Best (Drums), Shane Fitzsimons (Bass) & Karen O’Doherty (Geige). Als Produzent fungierte, zusätzlich zu Christian Best, Ryan Freeland.

Flannery wusste, welchen Sound er wollte, was eher weniger als mehr spielen bedeutete. „Mir erscheint es am wirkungsvollsten eine Dynamik zu entfesseln, die anschwillt, lauter wird, spannungsreicher und so den Hörer beeinflusst. Man braucht nicht viele Noten zu spielen, um das hinzubekommen. Eine einfache Sache, wirklich.“

Einige Monate nach den Aufnahmen durchstöbert Flannery noch immer, was er mit seinen Kollegen in dieser winterlichen Session produziert hat. Er mochte, wie es aufgenommen wurde und wie es klang – auch seine eigenen Parts.

„Ich klinge hier nach mir selbst. Ich habe versucht dieses amerikanische Näseln aus meinem Gesang zu bekommen, das von zu viel Tom Waits herrührte. Je besser das klappte, desto wohler fühlte ich mich.“

Die Zufriedenheit mit „By the Rule“ könnte auch mit dem Erwachsenwerden zusammenhängen. Flannery ist letztes Jahr 30 geworden und findet, dass er sich weniger von Kleinigkeiten stören lässt. Wenn du dieses Alter erreichst, bist du froh das Kleinzeug los zu werden.

„Mit Ende zwanzig bist du weniger besessen von dir selbst. Du machst dir weniger Sorgen um die eigenen Gefühle, wirst ruhiger. Nach und nach wird es einfacher, man selbst zu sein.“

„By the Rule“ also: Der Sound von Mick Flannery fühlt sich wohl in seiner Haut. Der Klang eines Mannes, der sich gut fühlt mit seiner Arbeit. Der Klang eines meisterhaften Songwriters auf der Höhe seines Schaffens.

www.mickflannery.com